„Die Gams im Freien übernachtet…“

oder:

War ich damals eigentlich auch so durcheinander wie die jungen und sehr jungen Leute von Heute?

Diese Frage könnte natürlich mit einem glasharten und apodiktischen „Nein, auf gar keinen Fall“ beantwortet werden, es könnte sogar kategorisch[1] sein und auch das würde noch passen. Aber ohne nun einen Rundumschlag in Richtung Sturm und Drang, Goethe und Schiller, Wahnsinn und Erwachsenwerden ausführen zu wollen ist doch schon klar, dies Thema ist für alle Jugendlichen eigentlich identisch und es lautet: der existentielle Selbstentwurf und seine mindestens doch ansatzweise Realisierung als krisenhaftes Geschehen.

Sowie natürlich unbedingt das Analysieren, Kommentieren und Evaluieren der damit zusammenhängenden Phänomene im öffentlichen Raum (Füße auf dem Sitz in der S-Bahn und dazu ganz leise Migränemusik, die gewissermaßen aus den Gehörgängen überschwappt, wie es sich da drin anhört mag man sich gar nicht vorstellen!) durch die mittlerweile älter gewordenen Jugendlichen von gestern und vorgestern.

Gibt es so was wie eine digitalisierte Kindheit? Macht das Wissen um Umweltverschmutzung und Klimakatastrophe die lieben Kleinen vielleicht fertiger als wir dachten? Was soll man erwarten von diesen Kindern, die Zeiten sind härter geworden, und zwar wirklich. Nicht mal Berufspolitiker blicken noch durch. Und dann die Segmente von Jugendkultur: Man ist beispielsweise nur ein Mensch, wenn man Skateboard fahren kann oder Hip-Hop gut findet, oder Graffiti herstellt. All die anderen gehören praktisch ins Reich der Mineralien.

Wie ist es z.B. mit dem sogenannten „Koma-Saufen“? Zur Erinnerung: kleine Gruppen junger Menschen verzehren in Windeseile und mit Wettbewerbscharakter erhebliche Mengen alkoholhaltiger Flüssigkeiten, wer als besonders hart und trinkfest gelten möchte bleibt u.U. mausetot liegen bei so einer Party.[2]

Das war bis in die legendären 50er Jahre doch auch zentrales Element universitärer Kultur, die kostümierten Teilnehmer (es handelte sich um studentische Verbindungen, Damen waren abwesend) ließen für einige Stunden die Säbel stecken und hantierten mit wuchtigen Humpen, durchaus gemeinschaftlich oder auch zwanghaft auf Kommando. Kaum jemand starb dabei sofort.

Da ist also eine gewisse Verschärfung zu konstatieren, es könnte an der verrohenden Wirkung des frühkindlichen Fernsehkonsums liegen. Oder an den Videospielen, wo ja auch der „Tod“ mehr eine Art Spielpause ist und sich sogar ein Vorrat an „Leben“ anlegen läßt, für alle Fälle.

Wo wir nun schon bei den 50er Jahren sind (es ist ja doch ein Weilchen her) soll hier ein Wort über den damaligen Fernsehkonsum nicht fehlen, sozusagen Erfahrungen aus erster Hand. Am Donnerstagnachmittag z.B. liefen die „Texas Rangers“, das war schon sensationell. Allerdings führte der Versuch, die Inhalte nun bei den allfälligen Cowboyspielen zu importieren doch meistens zu Verwirrung, die Details, die Namen, die schnellen Szenenwechsel überforderten uns. Das war nicht weiter tragisch, wir hatten genug Geschichten im Kopf. Außerdem war Sonntags sowieso Kino, die Kindervorstellung um 13.45 Uhr, und da war „Fuzzy“ der absolute Held, ein seltsam verknautschter und bärtiger Zwerg, der sich gegen doppelt so große und böse Burschen stets auf pfiffige Art durchzusetzen wußte.

Als die Rangers von dem wackeren Ritter Ivanhoe auf dem gleichen Sendeplatz abgelöst wurden, verschwand das Interesse am Fernsehen auch gleich wieder. Der hatte im Vergleich einfach keine „firepower“. Und langweiligere Pferde mit albernen Mützen.[3] Auch waren die jeweiligen Konfliktsituationen schwer durchschaubar, und das Konzept „Ritterlichkeit“ nicht recht wildwestkompatibel.

Immerhin, es macht ja Hoffnung, daß einige von den Spätgeborenen (teilweise unsere Kinder oder deren Freunde) doch ein Gefühl für Musik entwickelt haben, und sogar die schrägen Dinger aus den Siebzigern kommen bei ihnen zu neuen Ehren.[4] Kurz und gut, es ist im Prinzip alles beim alten. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, wurde uns damals von abgeklärten und scheinbar uralten Mitmenschen zugeraunt, und nun raunen wir selber und meinen es auch so.

Was aber hat es mit der kryptischen Überschrift dieser Zeilen auf sich? Nun, das sollte eigentlich bis zur nächsten Ausgabe das Geheimnis des Verfassers bleiben. Es sei jedoch immerhin kundgetan, daß es sich um die Hälfte eines Zitates des unvergeßlichen Wilhelm Busch handelt.


[1] Sie erinnern sich vielleicht an den schon erwähnten „kategorischen Affirmativ“? Er soll ein weiteres Mal erwähnt werden, immer in der Hoffnung, ihn als umgangssprachliches Element oder gar populärgrammatische Chiffre schließlich verankert zu sehen.

[2] Mausetot sagt auch niemand mehr. Dabei ist es so anschaulich.

[3] Allerdings auch irgendwie kernige Titelmusik. Die ging richtig in die Knochen, wie etwa „Preußens Gloria“.

[4] Vielleicht ist es aber Gewöhnung oder Desensibilisierung, so wie unsereins ja im zarten Kindesalter auch jede Menge Swing mitbekommen hat und ihn nun immer noch gut findet?

~ von wilhelmkurt am 15 Oktober, 2008.

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