Pinguine auf der Nordhalbkugel – geworfen oder gestellt?
Pinguinpopulationen als Globalisierungsverlierer
Dieser sommerliche Text könnte etwas sprunghaft wirken, es sind alle Fußnoten subtil integriert worden.
I. Was wenige wissen, aber richtige Hamburger wissen sollten: im Stadtpark, in der Nähe der S-Bahnstation Alte Wöhr, gibt es einen Pinguinbrunnen. Seit fast 80 Jahren immerhin. Das Bauwerk ähnelt einer neoheidnischen Kultstätte, was vielleicht auch kein Zufall ist. Im Zentrum derselben stehen sechs lebensgroße Pinguinfiguren um einen Springbrunnen, wobei „lebensgroß“ sich hier nicht auf Kaiserpinguine, sondern auf Humboldtpinguine bezieht. Diese sind eindeutig „gestellt“. Also zunächst her und dann auf. Die wenigen anderen regionalen Exemplare, also etwa im Tierpark in Stellingen, oder im Kurpark zu Cuxhaven (und sicherlich gäbe es noch wesentlich mehr, aber diese kenne ich halt mehr oder weniger persönlich) – nun ja, die sind geworfen. Im existentialistischen Sinne, in die Welt geworfen. Oder in die gegenüberliegende Polarregion der Welt doch zumindest.
II. Die Spannung zwischen Geworfenheit und Aufgestelltsein ist natürlich nicht zu vergleichen mit derjenigen zwischen „geschüttelt“ und „gerührt“, die für den legendären Commander Bond so wichtig war und ist. Doch das nur am Rande.
III. Bei sechs Figuren in der Größe normaler Gartenzwerge von einer Population zu sprechen ist möglicherweise etwas weit hergeholt, aber in gewissem Sinne sind sie singulär. Bis vor einigen Jahren bestanden sie nämlich aus Bronze. Die Globalisierung erreichte sie in der Gestalt von mutmaßlich osteuropäischen Buntmetallmigranten, die mit schwerem Gerät anrückten und die Figuren um des Materialwertes willen mitnahmen. Dieser Sachverhalt ist ohne weiteres als Globalisierungsfolge zu erkennen.
IV. Zum Glück für die ortsansässige Bevölkerung waren die Gußformen noch irgendwo gelagert, und es konnten Replikate angefertigt werden. Aus hartem Plastik in der Farbe gut gealterter Bronze. Trotzdem wurde noch an ihnen herumgesägt, aber nur oberflächlich. Buntmetallmigration ist ein veritabler Wirtschaftszweig, nur Profis können sich dort behaupten. Mittlerweile ist der Markt so hart umkämpft das auch Eisen und Stahl mitgenommen werden, der spektakulärste Fall gescheiterter Buntmetallakquisition dürfte allerdings auf längere Sicht der Versuch gewesen sein, einen Fahrdraht der Bundesbahn abzusägen – mit sozusagen finalen Konsequenzen. Da sitzt echt Musik drin. Der später aufgefundene und von allen irdischen Sorgen befreite Täter kann zweifellos ebenfalls als Globalisierungsverlierer gesehen werden. Gut geerdet zu sein ist nicht in jedem Fall richtig, hat aber hier doch direkt auf die berühmte „Darwin-Liste“ geführt, wo ja bekanntlich die törichtesten Anstrengungen, sich aus dem Gen-Pool zu katapultieren, für die Mit- und Nachwelt dokumentiert sind.
V. Das bringt mich zum Begriff des „kategorischen Affirmativ“. Satzfragmente wie „auf jeden Fall!“ oder „aber unbedingt, Dicker!“ können wir in der Öffentlichkeit herumschwirren hören. Sie sind nicht immer so steinfest gemeint wie sie sich anhören, aber mit einem gewissen Brustton der Überzeugung hören sie sich doch gut an. Und der wie schon gesagt kategorische Affirmativ gilt also nicht nur in vielen Pinguinbelangen, sondern ganz unbedingt auch bei der Buntmetallmigration. Wenn etwas Buntmetallenes unbeobachtet herumhängt oder –liegt, soll da auf jeden Fall drüber nachgedacht werden.
VI. Die real überall auf der Südhalbkugel existierenden Pinguine sind allerdings bisher noch nicht so richtig von der Globalisierung angekränkelt, scheint mir. Zu fest sind doch ihre Pinguingewohnheiten. In einem russischen Roman las ich neulich von einem Mann, der einen Pinguin in seinem Badezimmer (auf der Nordhalbkugel übrigens) beherbergte, und es war soviel Zuneigung und Wärme in diesem Text spürbar, daß ich regelrecht begann, ihn zu beneiden. Zwar ist eine solche Unterbringung sicherlich nicht wirklich artgerecht, aber die taktvolle und einfühlsame Beteiligung dieses Großvogels (richtig, es handelte sich um einen Kaiserpinguin von ca. 1,20 m) an den sozialen Verwicklungen in seinem Umfeld haben mich doch darüber hinwegsehen lassen. Das käme durchaus auch für mich als Haustier in Frage. Natürlich darf es nicht geworfen werden, es stellt sich gleichsam selbst an einen Lieblingsplatz, zwischen Waschbecken und Tür vielleicht. Gelegentlich würde es stundenlang im kalten Wasser plätschern, und dort würde es auch mit lebenden Fischen versorgt.
VII. Für die langen Stunden, die es einsam verbringen müßte (wenn mich also die unterschiedlichsten Obliegenheiten dem trauten Heime fern halten) denke ich an die Anschaffung einer sprechenden Duschkabine. Bislang ist das Repertoire dieser Geräte (die es offenbar wirklich gibt) natürlich eher auf die Rhythmen der durchschnittlichen Nutzer abgestimmt, vermutlich nach dem Motto „ey, das Quartal ist um, komm mal wieder rein hier“, oder „Alarm, Shampoo ist alle“. Aber ich traue mir durchaus zu, das mit einem Vorlesemodul zu kombinieren, und dann hätte der Pinguin doch wenigstens den Trost der Literatur. Hörbücher kann man ja mittlerweile schockweise gratis im Internet finden. Lediglich die Herunterkühlung des Badezimmers auf pinguinkompatible Minusgrade stelle ich mir schwierig vor, aber vielleicht kann er ja Tabletten nehmen.
VIII. Pinguintabletten, das ist ein verwandtes Thema. Eine in der Psychiatrie unter den Rezipienten geläufige Formulierung lautet „Pinguingang“. Den bekommt man von vielen der dort so beliebten Medikamente. Auch wenn hier die eigentliche Pinguinrelevanz sozusagen semantisch herbeikonstruiert werden mußte, wollte ich diesen Aspekt doch nicht unberücksichtigt lassen. Die Geworfenheit jedenfalls kann hier im Alltag tragödienhafte Züge annehmen. An erfolgreiche Buntmetallmigration ist natürlich nicht zu denken, unter solchen Umständen.
~ von wilhelmkurt am 7 Oktober, 2008.
Veröffentlicht in Endlich wieder Text!
Schlagworte: Buntmetallmigration, Pinguinbrunnen, sprechende Duschkabine


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