BRD retten? Wer? Ich?

Die Bundesrepublik –

Rettungsbedarf und –möglichkeiten

aus kritisch-dylanologischer Sicht

I. Neulich rief mich Herr Köhler an und ließ es sehr lange klingeln. Er wollte wissen, wie man die BRD retten könne (wovor und wieso, sagte er erst mal nicht. Solch eine vage und diffuse Problemdefinition ist bei hilflosen Politikern typisch und das Übliche). Er mache sich tiefe und schmerzhafte Gedanken; so tief und schmerzhaft wie die Reformen, die er von seiner Ziehmutter Angela M. verlange, und dies in seiner Art, auf unbequeme Weise naseweiß zu sein, sogar sehr naseweiß.

II. Dieses Anliegen des Herrn Köhler, welches ebenso liebenswert wie verständlich ist auf den ersten Blick, gerät jedoch durch meine Einbeziehung eindeutig in den Bereich des Fragwürdigen, um nicht zu sagen der Konfabulation, und wäre in jedem Fall ein etikettenwidriger und peinlicher Schulterschluss mit dem niederen Volke, gerechtfertigt alleine durch das hehre Ziel (nämlich die Rettung der BRD)! Der „Prinz von Äthiopien“[1] würde dieses Verhalten als degoutant (voll daneben) bezeichnen.

III. Des Weiteren sprach Herr Köhler schulterschlussmäßig: „Hallo Herr Welzin, mein lieber Freund, ich habe gehört, Sie sind ein pfiffiges Bürschchen, etwas größenwahnsinnig, na ja größenwahnsinnig vielleicht doch nicht, aber sehr geschunden und intensiv gebeutelt von einem allgegenwärtigen Wunsch nach Großartigkeit. Anstatt mit diesem Leiden zum Therapeuten zu gehen, finden Sie das auch noch gut und verbreiten Ihre Ideen im Westen von Hamburg per Klönschnack zur Freude einiger sehr spezieller Kandidaten.“

IV. Er fuhr fort: „Guter Mann, da ist mir dann das Märchen vom Rumpelstilzchen[2] eingefallen: Wenn Sie das Stroh, das in Berlin gedroschen wird, in einer Goldkammer bei Herrn Steinbrück zu Gold spinnen können, dann soll es Ihr Schade nicht sein: ich würde Kraft präsidialen Erlasses ihre Renten- bzw. Einkommens- und Wohnungsnöte beenden. Und weil das ja nur eine Art meditativer Erkundungstätigkeit bezüglich Sinn des Lebens ist, machen Sie es so nebenbei: das Stroh ist weg und Peer ist fröhlich, und Sie denken sich Ihren Teil.“

V. Meinen Teil, den dachte ich mir sofort: „Lieber Herr Köhler, mit anderen Worten: ich soll aus EchtMüll EchtGold machen. In einem Land, wo es Echtzeit und Echtgold gibt, da gibt es nämlich auch Echtmüll und EchtSchlimmeres. Und ich soll jetzt aus EchtMüll Echtgold machen. Da lachen ja die Hühner. Echt.“

VI. Und was das Rumpelstilzchen betrifft, stehen jetzt die „ziemlich Alten“ (50+) sehr gut da, und zwar besser als die Jungen, ebenso bei Bob Dylan s.u. und die ganz Jungen wieder mal ziemlich dumm, weil es Rumpelstilzchen noch nicht als Videospiel gibt und die Eltern – was Grimms Märchen Vorlesen betrifft – wahrscheinlich versagt haben, es sei denn, eine hochkompetente Großmutter hätte das übernommen. (Ich erwarte protestierende Leserbriefe).

VII. Was die Rettung der BRD betrifft: Ähnliches ist vor Jahren (ca. 67-68) Bob Dylan passiert, allerdings mit J. F. Kennedy. Damals war alles einfacher und seine Antwort, wie Sie sehen werden, ebenfalls. Da die allgemeinen Verhältnisse inzwischen sehr kompliziert und unübersichtlich geworden sind, ist meine Antwort auf das Anliegen von Herrn Köhler, wie Sie auch sehen werden, auch sehr kompliziert und unübersichtlich. Die Jungen und Heranwachsenden und die Mädchen, die so gerne schon Mädels wären, die stehen angemeiert da, weil sie dachten, damals (nämlich 68) hat Schröders Gerd sein Abitur nachgemacht und das wars dann an Kultur damals (mehr brauchen wir nicht für „Geschichte“ 68), wenn wir mal von Joschkas Turnschuhen absehen etwas später – die Stinkedinger kommen jetzt ins Museum mit Kohls Strickjacke (man glaubt es nicht!), aber dem Gerd sein Abi-Zeugnis kriegen wir nicht zu sehen, was eine große Geheimnistuerei ist und bei seinen Leistungen als Bundeskanzler wahrscheinlich angebracht.

VIII. Dafür kennen wir aber das Gespräch von Bob Dylan mit Präsident Kennedy, ein fast unbekannter Text – speziell in den progressiven Stadtteilen, wo die mesoromantische Phase des untergehenden Bürgertums ebenfalls fast unbekannt ist, und auch nicht begriffen wird. Ihr Dummchen, ich aber bin gekommen, euch zu künden und alles zu erklären. Fürchtet euch nicht, denn Klarheit und Wissen werden strahlend über euch kommen mit der Macht des lebenslang Entbehrten. So ist es nun mal. Punkt und jetzt kein Mucks mehr!

IX. Lieber Leser, übermannt von visionären Angelegenheiten meiner inneren Welten, muss ich jetzt feststellen, dass ich Bob Dylan aus dem Auge verloren habe (und Herrn Köhler sowieso – die Bundesrepublik wird dann eben später gerettet).

X. Aber jetzt kommt wenigstens der Text: es ist ein Ausschnitt aus „Talking World War III Blues“ von der Platte „The Free wheeling Bob Dylan“.

The telephone is ringing, wo´nt ever stop

it´s President Kennedy calling me up.

He says: „My friend Bob, what do we need

to make the country grow?“

I said: „My friend Jack: Brigitte Bardot.

Sophia Loren.

Anita Ekberg.

Country will grow.“

Wir sehen: man braucht eine einfache Frage, um einfache Antworten zu bekommen. Oder wir sehen eben 68 – und wie sich die nun 40 Jahre danach auf präsidiale Fragen und poetische Antworten ausgewirkt haben.

So etwas könnte ich ja nun auch bzgl. meines Gespräches mit dem BuPrä machen; aber wie Sie lesen werden, ist das Weltganze etwas sehr viel komplizierter geworden, und zwar so kompliziert, dass mir so ganz kribbelig wird. Es ist so: wir leben in einem Zeitalter der Angst, zumindest aber der Beunruhigung und Brigitte Bardot hat sich der Pelztierfrage zugewandt und kann uns auch nicht mehr helfen. Was Anita Ekberg betrifft, so weiß ich noch nicht mal genau, ob diese Dame noch lebt. (Sie machte immerhin doch einen recht rüstigen Eindruck, als sie mir das letzte Mal auffiel.) Sophia Lorens Bemühungen bleiben gerichtet auf Schönheit im Alter, so dass ich insgesamt von diesen drei Mädels keine große Hilfe speziell in der Frage meiner Rente und einer neuen Übersichtlichkeit zu erwarten habe….

Schluss und bedauerliches Ende für diesen Monat

Das soll nun erst mal wieder reichen. Ob und wie Kennedy mit dieser Antwort zufrieden war, was es mit dem äthiopischen Prinzen auf sich hatte, wann bei den drei genannten Leinwandikonen die Schönheit des Alters begann, ja sogar die mir angetragene Transmutationsarbeit im Phrasenspeicher (die Grimms sind das genaue Rezept übrigens schuldig geblieben) – dies alles bleibt nun in der Luft hängen, und es ist sehr die Frage, ob es im Frühling wieder aufgegriffen werden kann. Von der Rettung der BRD ganz zu schweigen.


[1] Asfa-Wossen Asserate

[2] Der Plot: angeberischer Müller behauptet, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen; die Tochter (nicht der Vater) wird vom König (wie immer geld- und goldgierig) beim Wort genommen; dem Mädchen droht der Tod; Rumpelstilzchen tritt als Retter auf und macht einen guten Job; nach weiteren Verwicklungen endet das Märchen mit einem krassen Suizid (hammerharte Szene).

~ von wilhelmkurt am 7 Oktober, 2008.

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