Vom Älterwerden

Der zu Recht legendäre Harry Rowohlt hatte auf seiner Typenhebelschreibmaschine eine besondere Taste, wie er vor einigen Jahren gestand. Im Zeitalter der elektronischen Symbolerzeugung wirkt dies rührend barock. Es war ein sogenannter „Asteriks“, wie er heute zum Verbergen von Paßwörtern dient, oder ein Sternchen, etwa so:

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Wie er des weiteren zugab, nutzte er dieses Symbol nicht etwa für eine sinnvolle Gliederung des Textes, sondern es sollte anzeigen, daß nunmehr ein Bruch passiert. Ein Gedankensprung vielleicht. Eine Tasse Kaffee zwischendurch, und das Neue, das je und je ganz Andere, das sich Bahn brechen will.

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Dieser Brauch, der mir hilft, von den ewigen Fußnoten wegzukommen, soll nun adaptiert werden, jedenfalls doch diesmal. Um die Sprunghaftigkeit meiner Gedanken zu kaschieren, und also einen scheinbar doch zusammenhängenden Text zu schreiben. Was Harry kann, kann mir durchaus ebenso passieren. Das gilt auch für das im Titel erwähnte Älterwerden. In wenigen Tagen schlägt es 60!! Falls Sie jetzt an Kranzspenden für unser nächstes zufälliges Treffen denken sollten, fände ich das übereilt. Eine mögliche Alternative wäre wohl gewesen, einfach jung zu versterben, wie es ja vor einigen Jahren durchaus möglich schien.

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Nun jedoch bin ich gehalten, Würde, Anmut und Heiterkeit beim Unvermeidlichen zu entwickeln. Vielleicht sogar bei der Umsiedlung in einen Pflegepalast ohne Elbblick. Hoppla, da kommt doch schon wieder der Galgenhumor durch, keinesfalls mit der erstrebten Heiterkeit zu verwechseln übrigens.

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Derweil ist zu beobachten, daß die Verwurstung der Seniorenkultur vor rein gar nichts mehr halt macht. In der Apothekenzeitung sind scheinbar 80jährige bei schweißtreibendem Extremsport abgebildet, mit der Botschaft im Subtext: Wenn Sie die richtige Versicherung haben bzw. die richtigen Pillen nehmen, wird es Ihnen auf die alten Tage genau so gehen. Wer wollte das nicht?

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Wer ja nun praktisch nicht mehr älter wird, das ist Konrad Adenauer, an den sich manche noch erinnern werden. Man kann über ihn einiges sagen oder denken, als Mensch, Politiker und Pepitahut. Immerhin hatten wir am Tage seiner Beisetzung schulfrei. Unsterblich geworden ist er hingegen für alle Berufs- und Sportschiffer, die haben nämlich hinten am Boot eine Nationalflagge und nennen sie „Adenauer“. Zur Illustration folgt nun eine rhapsodische Zusammenstellung nautischer Redensarten: „Weißt Du, warum das so ist?“„Nein, das ist eben so ein Brauch. Adenauer war außerdem im Leben wie im Tod schwarz-gold-rot.“ „Hast Du den Adenauer reingeholt (bei Sonnenuntergang!)? Ach ja, das halten einige für übertrieben, aber unsere nördlichen Nachbarn machen es mit dem Dannebrog (übersetzt: Dänenbrauch) genauso.“ „Wir können doch hier nicht ohne den Adenauer rumfahren!“ „Der verdeckt aber den Namen achtern.“ „Wie groß muß eigentlich ein Adenauer sein?“ „Na gut, eine Ecke sollte ins Wasser hängen.“ Und so weiter.

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Beim Älterwerden verschwindet möglicherweise auch die Bereitschaft, diese Nationalflagge als Fußballaccessoire zu sehen und bis zu 13 Exemplare oben auf dem Privatwagen zu befestigen (bisheriger Rekord an Vollknorpelkopfigkeit, beobachtbar etwa in Bramfeld oder Norderstedt). Bei jüngeren Leuten hingegen, wie beispielsweise bei einigen vom Bundesvorstand der „Jungen Grünen“, wächst die Keckheit und sie lassen sich photographieren (Spiegel online) wie sie anscheinend auf den guten alten Adenauer urinieren. Nur unwesentlich harmloser ist der Versuch, durch einen aufgenähten kleinen Halbmond im roten Feld heftiges Multikulti zu signalisieren.

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Also, irgendwo muß doch mal Schluß sein! Wer Politiker nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte Politiker sich verschafft oder abbildet und ins Internet stemmt, wird mit 10 Jahren Dauerfernsehen (ausschließlich RTL eins, zwei und super!) bestraft, Bewährung nur, wenn Hirntod oder Protodemenz vorher eintreten, je nach Schwere der Schuld. Sinngemäß so ähnlich gilt das ja jetzt schon für den Umgang mit der Nationalflagge. Wie eine Glimpfung aussehen könnte ist völlig unklar, aber Verunglimpfung kann mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden!

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Als alternder Mensch ist es mein Vorrecht, all diese Dinge deutlich zu sehen und auch beim Namen zu nennen, etwa wenn ein als politische Aktion gemeintes Spektakel abgleitet in den Bereich der puren Bewußtlosigkeit, aber ein Spaß ist es deswegen noch lange nicht. Immerhin, ich weiß mich in guter Gesellschaft, meine Alterskohorte ist umfangreich und schrumpft auch nicht so schnell. Und die Bundesrepublik wird überhaupt erst nächstes Jahr so richtig sechzig.

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Die evangelische Kirche feiert 2017 dann 500 Jahre Reformation. Das soll ein Staat erstmal nachmachen, ohne schäbige Tricks wie das um 988 Jahre verkürzte Tausendjährige Reich unseligen Angedenkens. Ich kenne jemanden, der in dem Jahr die Goldene Konfirmation anvisiert hat, so was nenne ich kernprotestantisch.

~ von wilhelmkurt am 11 Juli, 2008.

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