Vom Altenpflegen
Im letzten Monat ging es an dieser Stelle um das Älterwerden und die damit verbundenen Anforderungen an die persönliche Grazie im körperlichen wie seelischen Bereich. Das Thema ist noch längst nicht abgefrühstückt! Wir beginnen heute mit der noch nicht pflegebedürftigen Phase des Alterns. Da gibt es auch Chill-Phasen. Die erste heißt: Da merkte ich, dass ich plötzlich alt geworden war. Dies wird je nach Veranlagung gerne ignoriert oder ganz nach Trotz, Dummheit und Phantasielosigkeit gänzlich geleugnet. Das finale Erlebnis dieser Kategorie folgt früher oder später, es kann u.a. sein ein Arbeitsunfall in der Küche, eine mittelprächtige Lungenentzündung oder ein veritabler Herzstillstand.
Das Chillen aber nun, ein in der Jugendsprache ganz gängiger Begriff, bedeutet nichts anderes als den Übergang in eine Phase gesteigerter Rezeptivität und stark zurückgehender Beweglichkeit. Die jungen Leute machen das auf dem Sofa, sie haben sogar genau dazu passende chill-out-Musik. Diese klingt beinahe wie die echte Interferonmusik (eine Mischung aus „new-age“ und „Warteschleife“, sozusagen wort- und sinnfrei. Das läßt sich in ununterbrochener Folge aus dem Internet konsumieren und ist im Ganzen eine akustische Chemotherapie.) In gewisser Weise reichen sich hier die pharmazeutische und die musikerzeugende Industrie ihre sozusagen blutigen Pranken. Passende Kleidung ist ein Muß, sie zeichnet sich durch Übergröße aus, nichts soll kneifen oder beengen. Was vor 30 Jahren ein „couch-potato“ und damit verächtlich bis an die Grenze des Unaussprechlichen war, kommt derzeit als Vorbild normaler junger Leute daher.
Diesen Zustand des Chillens also nun auch bei älteren Leuten herzustellen ist zentrales Anliegen der Altenpflege. Das ging natürlich bis vor wenigen Jahren von ganz allein, wobei die Sache mit der Rezeptivität durchaus ein Hindernis sein konnte, sie sollte sich wirklich nur auf die Musik beziehen. Die kleinen Momente des Schwächelns wie auch die schwere Hand des Knochenmannes bleiben besser unbemerkt. Auf der rechten oder auf der linken Schulter? Inwiefern ist es Pech, wenn er von vorn kommt? Ist er nicht vielleicht sowieso Beidhänder? Macht es Sinn oder hat es vielleicht sogar aufschiebende Wirkung, ihm im entscheidenden Moment mit der Gehhilfe kräftig auf die Finger oder an den sicherlich empfindlichen Hals zu hauen? Eine ganze Schule von Cartoonisten nährt sich von diesen Fragen.
Die aufschiebende Wirkung des trotzigen Leugnens jedenfalls wird früher oder später, wie schon vorher angedeutet, durch ein finales Zwangs-Chill-Erlebnis beendet. Das pure Altern ist von einer belehrenden und unwiderstehlichen Wucht. Solange aber Leugnen noch hilft, hier nun ein Blick auf das Berufsbild „Altenpflege“. Das hartnäckige Weiterleben führt zum immer intensiveren Kontakt mit diesem speziellen Begleitpersonal.
Gotisch geht es nun weiter. Altdeutsch ist einfach nicht hart genug. Denn erstaunlicherweise werden durch die Finessen und Brutalitäten des Berufsbildes „Altenpflege“ sogenannte „Gothics“ angelockt. Junge schwarzgekleidete, gelegentlich auch übergewichtige Mädels mit bizarren Hemden und SM-Schmuck, gerne auch als „Blech im Gesicht“. Unwillkürlich tastet man nach dem großen Not-Tauf-Eimer. Theologisch zwar heftig umstritten, aber der Unterhaltungswert ist doch beträchtlich, so wird der Antichrist jedenfalls mal geduscht. (Hier beginnt das diffuse Feld der Experimentaltheologie, von dem wir füglich die Finger lassen sollten.)
Ähnlich besorgte Überlegungen ließen sich zur hauswirtschaftlichen Versorgung der erfolgreich gechillten Alten anstellen. Über die Funktion der im Gesamtzusammenhang verwendeten Beruhigungsmittel will ich nichts sagen, noch nicht mal was andeuten. Also, die Hauswirtschaft. Wer glücklich dran ist, wird vom Parasmutje (auch als „Zivi“ bekannt) in der je eigenen Häuslichkeit versorgt, zur Not mit second-hand-Material aus der Volxküche. Die anderen bekommen „Essen auf Rädern“. Das wird auch schon wieder von Gothic-Girls gebracht, von Altenpflegerinnen, die den Schritt zur Sterbebegleiterin noch scheuen oder ihn vielleicht auf diese Weise schon mal proben.
Da heißt es, tapfer zu bleiben und die doch im Kern immer noch vorhandene Mitmenschlichkeit dankbar anzunehmen. Gut dran ist natürlich auch, wer über Tütensuppe und Spiegelei hinaus etwas kochen kann und mag, der kann nämlich selbst Mitmenschlichkeit entfalten und wird reichen Lohn erfahren. Ebenfalls sehr „cool“ im Sinne der anfänglichen Überlegungen: der Pizzabringedienst. Das eigentliche Problem ist ja sowieso das Aufräumen hinterher, und das wiederum kann man wohl getrost dem Zivi überlassen. Manche haben ja auch eigene Kinder oder Enkel, es wird sicherlich bald schon ohne deren ehrenamtlichen und ausdauernden Einsatz nicht mehr gehen, das ist dann „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Sinne der einschlägigen Vorschriften. Zunächst geht es wie gesagt um Hauswirtschaft, aber irgendwie müssen ja die Lebensmittel auch bezahlt werden. Nun, der Sozialverwaltung ist da schon etwas eingefallen, unschwer zu raten wie nur je. Einfach nur fördern ist „out“, und beim „Fordern“ können schon mal gelegentlich die Samthandschuhe im Schrank bleiben.
Letztlich muß dann auch mal Schluß sein mit dem Gejammer, wenn immerhin mehr als 15.000 Kinder und Jugendliche in dieser reichen Stadt unter Armut leiden ist das ja wohl auch betagteren Mitmenschen zuzumuten. Die altmodische Formulierung, Armut sei „ein Glanz von innen“ geht allerdings wohl doch etwas zu weit und ist sozusagen mit Recht in Vergessenheit geraten. Armenpflege gab es früher mal, und zwar meistens sogar privat finanziert, das waren echt andere Zeiten.


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