Letztlich geht es um Aufschwung und Gerechtigkeit – und zwar im Unterschied zu Schulden- und Gleichmacherei!

Anfang April rührte mich die Nachricht von einer bevorstehenden Rentenerhöhung zu Tränen der Dankbarkeit. Nun gut, zu genau einer Träne, denn die Erhöhung sollte mit 1,1 Prozent auch wohl eher maßvoll ausfallen.

Andererseits sind das je nach Höhe der Rente ein schwungvoller Abend mit Freunden und chinesischem Essen (wie wäre es mit Karthäuser-Kätzchen Kantoner Art[1]), oder vielleicht doch eher zusätzliche drei Tassen Espresso monatlich. Für die Kanzlerin und ihren Finanzminister eher das erstere, vermute ich mal. Aber noch nicht sofort, die müssen schon noch ein wenig ranklotzen. Und, Sie haben es erraten, für mich eher das letztere, dafür aber auch einfach so. Falls es klappt.

Die Kanzlerin hatte ja schon im Dezember verlautbart, es sei nun an der Zeit, daß der „Aufschwung“ mal bei „den Leuten“ ankommt. Schon ein knappes halbes Jahr später wird ihrem Wunsch entsprochen, das gibt doch Hoffnung. Allerdings, wenn wir uns den Aufschwung am Reck aus der Turnhalle unserer Kinderzeit vergegenwärtigen, dann hängt das Ding momentan noch wie ein Sportverweigerer oder einer dieser überernährten Kameraden in ihrer peinlichen Hilflosigkeit. Oder wie ein nicht abgeholter Sack voll Knorpel & Gnit.[2]

Für so was, meint Herr Steinbrück (ein miserabler Reckturner, wie man sich unter den Ehemaligen seiner Schule erinnert), sind 14 Milliarden €uronen schon einfach viel zu viel. Bei so einer machtvollen Argumentation sehe ich natürlich die drei Tassen Espresso dahinschwinden. Nicht wirklich tröstlich der Gedanke, daß anderen Rentnern noch ganz andere Visionen vergehen dürften.

Und es ist auch nicht nur der Finanzminister, der seine Rentenschäfchen ja wohl restlos im Trockenen haben dürfte, nein, es gibt mittlerweile eine sogenannte jüngere Generation von Politikern so zwischen 30 und 40, die machen sich berechtigte Sorgen um ihre eigenen Renten, obwohl die Quote von Anwälten und Beamten in diesem Versichertensegment sehr hoch ist. Dauernd in den Urlaub, und das im großen Stil, dafür wird es wohl nicht mehr reichen. Aber sie wissen auch, auf wen es einzuschlagen gilt. Auf die Espressoverschwender, selbstverständlich. Also wurde schon nach kürzester Zeit das Signal zum Rückwärtsrudern gegeben, im „Spiegel“ vermutlich.[3] Es ist einfach nicht gegenfinanzierbar, weil kein Geld dafür da ist. Auch sind die Kassen leer, und das Tafelsilber ist bereits verfrühstückt.[4] Der fröhliche Ratschlag, einfach Geld nachzudrucken, wird nicht gern gehört. Dann will man schon lieber den Steuermigranten ans Beutelchen. Ohne etwelche Erbprinzen zu kränken, oder zu beunruhigen, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht, denn die sind sehr leicht zu kränken, in Nullkommanix ziehen sie eine Schnute und fangen an zu zicken. Im Fall des Erbprinzen von Liechtenstein beispielsweise ist ja im Grunde die öffentliche Nennung seines Vornamens schon kränkend.[5]

Die „Gerechtigkeit“, um die es ja in der Titelzeile wenigsten dem Begriffe nach ging, ist ein ideelles Konstrukt und welkt im harten Licht der Wirklichkeit sehr rasch. Während der Aufschwung am Reck hängend beobachtet wurde, steht sie am schönsten Fenster von Wolkenkuckucksheim und schaut gedankenlos ins Ferne. Liebedienerei und Nepotismus sind ihre karge Fastenspeise. Fromme wie revolutionäre Mitmenschen würden ihr gern aufhelfen, aus unterschiedlichsten Gründen und mit großem Diskussionsbedarf im Methodischen. Das böse Wort mit M, Macht, darf in diesem Zusammenhang öffentlich auch nicht geäußert werden. Es handelt sich nämlich um Verantwortung.[6]

Der im Prinzip wünschenswerte Weg ins Erbprinzentum ist also wohl leider den meisten von uns verschlossen, man hätte sozusagen eher und ganz anders einsteigen müssen.[7] Wenn außerdem alle richtig fein raus wären, das kann irgendwie auch nicht funktionieren. Da hätte ja niemand mehr einen Antrieb, überhaupt noch was zu machen, also etwa für einen Euro pro Stunde die Gnitsäcke wegschleppen. Den ganzen Tag Fernsehen und Pudding essen, das kann´s doch auch nicht sein, wo bleibt denn da das Abendland.[8]

Der Aufschwung ist also im Prinzip da, das Geld schon fast, und die Gerechtigkeit wäre so ein tolles Gefühl gewesen. Dann kam Roman Herzog (der mit dem Ruck) und sagte, dies sei er nun. Der Ruck! Generationen noch werden auf Espressozulagen verzichten müssen, damit wir oder vielmehr unsere Nachfahren einen ausgeglichenen Roman Herzog haben können, jedenfalls doch perspektivisch. Die Gerechtigkeitslücke bzw. die gefühlte Ungerechtigkeit entpuppt sich so als kluge Haushalterschaft oder sogar als nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung. Der gute arabische Labetrank wächst schließlich nicht wild in der Lüneburger Heide! Wenn wir uns auch im Jahr 2022 noch ein gelegentliches Täßchen zu Gemüte führen wollen, heißt es jetzt schon sparen. [9] Oder vielleicht lieber eine Option auf die Ernte kaufen, und dann kann es ja egal sein.



[1] Gibt es auch mit Tofu, also bitte cool bleiben.

[2] Gnit sind die kleinen weißen Stücke in der Blutwurst.

[3] Nichts gegen dieses Druckerzeugnis. Besonders online ist es einfach nett, kein Papier die Treppen raufschleppen, nur das lesen, was man interessant findet, und dann auch noch „Verstehen Sie Haas“.

[4] Es kommt hinzu, daß auch viele Sachwerte ziemlich wertlos waren und daher nun einfach auch das Geld sozusagen knapp wird. Es ist aber wohl nicht weg, sondern nur woanders. Vorgänge wie in Sachsen oder Bayern mit ihren jeweiligen Landesbanken hätten vor gar nicht langer Zeit zweifellos zu bürgerkriegsartigen Zuständen und zur Inbetriebnahme der überall vorsorglich eingelagerten Fallbeile geführt. Das hanseatische Exemplar ist in Ölpapier verpackt und auf dem Dachboden am Sievekingplatz eingelagert und dürfte im Bedarfsfalle funktionieren „wie geschmiert“.

[5] Daher sei hier auch darauf verzichtet. Sein prominenter Schließfachkunde und unser vormaliger Oberbriefträger hätte natürlich treffender gar nicht benannt sein können. Vielleicht ist erfolgreiche Kriminalität doch eine Sache des Karma?

[6] Auf diesen Unterschied wies insbesondere der bisherige und künftige Bügelmeister am Wahlabend im TV hin. Allerdings hatte er ihn zwei Sätze später auch schon wieder vergessen und gab zu, es würde selbstverständlich um Macht gehen.

[7] Es ist sogar fraglich, ob das Verkaufen der eigenen Seele noch klappen würde, ob es da überhaupt einen Markt gibt. Schließlich wollen die meisten Menschen gar kein Geld bei diesem Handel, sie passen nur einfach mal einen Moment nicht auf und hoppla ist sie weg!

[8] Abendland. Das ist überhaupt ein ganz heißes Thema. Da traue ich mich ganz und gar nicht ran. Vielleicht später mal, wenn wir uns besser kennen. Schnell hat man ein Etikett weg und ist plötzlich Kryptofaschist.

[9] Das war ein genialer Film, der lief in den 70er Jahren eigentlich nur im Abaton. Später dann allerdings auch im Fernsehen. Grüne Kekse gab es da zum Essen, nur die ganz Steinreichen konnten sich mal ein wenig frisches Gemüse leisten. „2022 – die überleben wollen.“ Mit Charlton Heston in einer echten Paraderolle.

~ von wilhelmkurt am 11 Juli, 2008.

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