Blöd sein – schön & und gefährlich?

•7 Oktober, 2008 • Kommentar schreiben

Neulich las ich in einer Zeitung (ganz genau: DIE WELT,1.4.08), daß die Bevölkerung der USA beschlossen hat, zu verblöden, und zwar verdächtig unauffällig. Das hat mich nicht überrascht. Im Gegenteil: seit der Wiederwahl von Walker Bush[1] hatte ich in dieser Hinsicht vollständige Gewißheit. Befund und Diagnose geben Anlaß zu einigen Überlegungen. Was nämlich in Amerika schief läuft, läuft früher oder später überall schief, speziell in Deutschland. Soweit, so traditionell antiamerikanisch. Hinwiederum kann auch gefragt werden, ob es denn wirklich so schlimm ist, dumm oder uninformiert zu sein.

Oder anders herum: ist es wirklich schlau, die eigene Klugheit (sofern vorhanden) zu zeigen? Man riskiert permanentes Ausgefragtwerden durch mangelhaft informierte Zeitgenossen. Etwa: Gab es Hitler wirklich? Wer ist Bill Kaulitz, wie geht es seiner Stimme? Wofür ist die Antwort wichtig? Oder in Amerika, wo das dumbing-down[2] seit längerem und erfolgreich im industriellen Maßstab betrieben wird: Was ist mit dem „beer-hall putsch“? Wer hat gewonnen damals? Na ja, so sind „die Krauts“ eben. Ostentative Klugheit ist allemal unerwünscht und peinlich.

Für unsere Zwecke soll „dumbing down“ mal mit „Abdummung“ übersetzt werden. Die Mechanismen sind um uns und in uns: ein künstlich erzeugtes Interesse an Reproduktionserfolgen oder Unpäßlichkeiten sogenannter Prominenter ist der Rohstoff für ein breites Segment dessen, was in glücklicheren Zeiten als öffentlicher Diskurs bezeichnet worden wäre. Die gleichen jungen Leute, die Hitlers tatsächliches Vorhandengewesensein bezweifeln oder allen Ernstes überzeugt sind, Mohammed sei in Istanbul zur Welt gekommen und Atatürk sei sein Prophet, wissen detailliert Bescheid über die Suchterkrankung von Popstar A, die Stimmbandprobleme von Popstar B, die Heiratsabsichten von Ex-Popstar C, oder das neue und noch nicht erhältliche Funktelefon der Firma D.

Öffentlicher Diskurs ist eine ferne Erinnerung. Eine nordamerikanische Legende aus der Zeit um den Bürgerkrieg, in der die Vereinigten Staaten den Alphabetisierungsrekord hielten und wo die unabhängigen Zeitungen wie Pilze nach dem Regen wuchsen. Als ein deutscher Offizier wie General Steuben dort umstandslos Politiker werden konnte, weil er vernünftige Ideen hatte, nicht nur was die Abschaffung der Sklaverei betraf. [3]

Das war natürlich auch alles sehr anstrengend, echte geistige Arbeit und zeitraubend noch dazu. In jedem Saloon, in jeder Postkutsche, in jedem Eisenbahnabteil diskutierten die Menschen über die Tagespolitik, in aller Regel ohne Waffengebrauch. Dem entziehen wir uns immer mehr. Es ist zu viel anderes gleichzeitig, und der Tag hat eben nur 24 Stunden. Lediglich beim Computerspielen kann zur nachtschlafenden Zeit noch etwas drangehängt werden.

Es gibt dann noch eine Grauzone am unteren Rand des Abdummungsprozesses, und da wird dann deutlich: Dazwischenreden und Ideen-Haben sind aus der Mode. Bald darauf beginnt dann schon der Bereich der zertifizierbaren Verblödung[4], und der letzte bekommt schließlich die „Lübcke-Medaille für probates Deppentum“, d.h. der IQ liegt unter dem von Knäckebrot, ist also kleiner als 5. (Für eventuelle nachgeborene Leserinnen und Leser: das war der sagenhafte Bundespräsident, der in Afrika eine Rede mit den unsterblich gewordenen Worten begann: „Meine Damen und Herren, liebe Neger.“) [5]

Um nun nicht mit dieser depressiven Note zu enden, noch ein paar Worte zu den Bildungsidealen, an die sich manche der Älteren ja noch erinnern werden. Muß man wirklich wissen, was in der „Emser Depesche“ stand? Ja, kann man es überhaupt? Was ist mit der Ballade von dem tapferen Steuermann John Maynard? Kann man solche Bildungswege sinnvoll planen? Gibt es noch Lehrer, die ihre Schüler neugierig machen können? Stimmt es, daß die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne durch die Strukturen der Kindersendungen im Fernsehen vorgegeben ist und damit bei etwa 3 Minuten liegt?

Insofern lassen die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur und die Einrichtung der Bachelor-Studiengänge für die Zukunft noch Entwicklungsspielräume erahnen. Vor allem in Richtung „Abwärtsexzellenz“, leider, bei durchaus noch gefühltem bzw. behauptetem Diplompotential selbstverständlich.[6] Genau wie Temperaturen,[7] Börsenzustände, Multiplikationsergebnisse und Musik „gefühlt“ werden, nicht etwa „wahrgenommen“.

Andererseits, und auch das soll keineswegs verschwiegen werden, ist es natürlich seit eh das Privileg der Ältergewordenen, den Niedergang ihrer jeweiligen Kultur beredt zu bejammern. Die Bildungskatastrophe (wann haben Sie denn das Wort zuletzt gelesen?) paßt letztlich hervorragend zur sonstigen Entwicklung der Welt, es könnte also sein, daß die aktuellen Lamentierer mehr Recht haben als ihnen lieb sein kann.[8]


[1] Auf den anderen Vornamen will ich hier mal prophetisch verzichten. Er geht ja bald.

[2] Das ist tatsächlich ein anerkannter Begriff des amerikanischen Feuilletons.

[3] Demokratie begeisterte unsere Vorfahren. Sie waren in einer nie wieder erreichten Intensität Subjekt der Geschichte, und ohne ihre Mühen würden wir in einer komplett grauenvollen Realität zurechtkommen müssen.

[4] Als Stichwort genüge mal „RTL 2“. Wenn Sie es nicht kennen, bleiben Sie dabei!

[5] Es ist nach wie vor umstritten, ob der Mann eigentlich blöd war. Es kann im Grunde nicht sein. Genausowenig, wie ein Beamter lügen könnte.

[6] Was wirklich hochgeht, sind die Kosten. Studierende Kinder sind ein Armutsrisiko.

[7] Damit ging es tatsächlich mal los: Gefühlte Temperatur. Der Begriff ist in einem seriösen Wetterbericht so sinnvoll wie eine Beschreibung von Frau Holles Deckbett.

[8] Wenn das jetzt eine nicht ganz so depressive Note gewesen sein soll, sind doch alle wieder froh, daß Percy nicht so richtig auf die Tonne gehauen hat, oder?

„Die Gams im Freien übernachtet…“

•15 Oktober, 2008 • Kommentar schreiben

oder:

War ich damals eigentlich auch so durcheinander wie die jungen und sehr jungen Leute von Heute?

Diese Frage könnte natürlich mit einem glasharten und apodiktischen „Nein, auf gar keinen Fall“ beantwortet werden, es könnte sogar kategorisch[1] sein und auch das würde noch passen. Aber ohne nun einen Rundumschlag in Richtung Sturm und Drang, Goethe und Schiller, Wahnsinn und Erwachsenwerden ausführen zu wollen ist doch schon klar, dies Thema ist für alle Jugendlichen eigentlich identisch und es lautet: der existentielle Selbstentwurf und seine mindestens doch ansatzweise Realisierung als krisenhaftes Geschehen.

Sowie natürlich unbedingt das Analysieren, Kommentieren und Evaluieren der damit zusammenhängenden Phänomene im öffentlichen Raum (Füße auf dem Sitz in der S-Bahn und dazu ganz leise Migränemusik, die gewissermaßen aus den Gehörgängen überschwappt, wie es sich da drin anhört mag man sich gar nicht vorstellen!) durch die mittlerweile älter gewordenen Jugendlichen von gestern und vorgestern.

Gibt es so was wie eine digitalisierte Kindheit? Macht das Wissen um Umweltverschmutzung und Klimakatastrophe die lieben Kleinen vielleicht fertiger als wir dachten? Was soll man erwarten von diesen Kindern, die Zeiten sind härter geworden, und zwar wirklich. Nicht mal Berufspolitiker blicken noch durch. Und dann die Segmente von Jugendkultur: Man ist beispielsweise nur ein Mensch, wenn man Skateboard fahren kann oder Hip-Hop gut findet, oder Graffiti herstellt. All die anderen gehören praktisch ins Reich der Mineralien.

Wie ist es z.B. mit dem sogenannten „Koma-Saufen“? Zur Erinnerung: kleine Gruppen junger Menschen verzehren in Windeseile und mit Wettbewerbscharakter erhebliche Mengen alkoholhaltiger Flüssigkeiten, wer als besonders hart und trinkfest gelten möchte bleibt u.U. mausetot liegen bei so einer Party.[2]

Das war bis in die legendären 50er Jahre doch auch zentrales Element universitärer Kultur, die kostümierten Teilnehmer (es handelte sich um studentische Verbindungen, Damen waren abwesend) ließen für einige Stunden die Säbel stecken und hantierten mit wuchtigen Humpen, durchaus gemeinschaftlich oder auch zwanghaft auf Kommando. Kaum jemand starb dabei sofort.

Da ist also eine gewisse Verschärfung zu konstatieren, es könnte an der verrohenden Wirkung des frühkindlichen Fernsehkonsums liegen. Oder an den Videospielen, wo ja auch der „Tod“ mehr eine Art Spielpause ist und sich sogar ein Vorrat an „Leben“ anlegen läßt, für alle Fälle.

Wo wir nun schon bei den 50er Jahren sind (es ist ja doch ein Weilchen her) soll hier ein Wort über den damaligen Fernsehkonsum nicht fehlen, sozusagen Erfahrungen aus erster Hand. Am Donnerstagnachmittag z.B. liefen die „Texas Rangers“, das war schon sensationell. Allerdings führte der Versuch, die Inhalte nun bei den allfälligen Cowboyspielen zu importieren doch meistens zu Verwirrung, die Details, die Namen, die schnellen Szenenwechsel überforderten uns. Das war nicht weiter tragisch, wir hatten genug Geschichten im Kopf. Außerdem war Sonntags sowieso Kino, die Kindervorstellung um 13.45 Uhr, und da war „Fuzzy“ der absolute Held, ein seltsam verknautschter und bärtiger Zwerg, der sich gegen doppelt so große und böse Burschen stets auf pfiffige Art durchzusetzen wußte.

Als die Rangers von dem wackeren Ritter Ivanhoe auf dem gleichen Sendeplatz abgelöst wurden, verschwand das Interesse am Fernsehen auch gleich wieder. Der hatte im Vergleich einfach keine „firepower“. Und langweiligere Pferde mit albernen Mützen.[3] Auch waren die jeweiligen Konfliktsituationen schwer durchschaubar, und das Konzept „Ritterlichkeit“ nicht recht wildwestkompatibel.

Immerhin, es macht ja Hoffnung, daß einige von den Spätgeborenen (teilweise unsere Kinder oder deren Freunde) doch ein Gefühl für Musik entwickelt haben, und sogar die schrägen Dinger aus den Siebzigern kommen bei ihnen zu neuen Ehren.[4] Kurz und gut, es ist im Prinzip alles beim alten. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, wurde uns damals von abgeklärten und scheinbar uralten Mitmenschen zugeraunt, und nun raunen wir selber und meinen es auch so.

Was aber hat es mit der kryptischen Überschrift dieser Zeilen auf sich? Nun, das sollte eigentlich bis zur nächsten Ausgabe das Geheimnis des Verfassers bleiben. Es sei jedoch immerhin kundgetan, daß es sich um die Hälfte eines Zitates des unvergeßlichen Wilhelm Busch handelt.


[1] Sie erinnern sich vielleicht an den schon erwähnten „kategorischen Affirmativ“? Er soll ein weiteres Mal erwähnt werden, immer in der Hoffnung, ihn als umgangssprachliches Element oder gar populärgrammatische Chiffre schließlich verankert zu sehen.

[2] Mausetot sagt auch niemand mehr. Dabei ist es so anschaulich.

[3] Allerdings auch irgendwie kernige Titelmusik. Die ging richtig in die Knochen, wie etwa „Preußens Gloria“.

[4] Vielleicht ist es aber Gewöhnung oder Desensibilisierung, so wie unsereins ja im zarten Kindesalter auch jede Menge Swing mitbekommen hat und ihn nun immer noch gut findet?

Pinguine auf der Nordhalbkugel – geworfen oder gestellt?

•7 Oktober, 2008 • Kommentar schreiben

Pinguinpopulationen als Globalisierungsverlierer

Dieser sommerliche Text könnte etwas sprunghaft wirken, es sind alle Fußnoten subtil integriert worden.

I. Was wenige wissen, aber richtige Hamburger wissen sollten: im Stadtpark, in der Nähe der S-Bahnstation Alte Wöhr, gibt es einen Pinguinbrunnen. Seit fast 80 Jahren immerhin. Das Bauwerk ähnelt einer neoheidnischen Kultstätte, was vielleicht auch kein Zufall ist. Im Zentrum derselben stehen sechs lebensgroße Pinguinfiguren um einen Springbrunnen, wobei „lebensgroß“ sich hier nicht auf Kaiserpinguine, sondern auf Humboldtpinguine bezieht. Diese sind eindeutig „gestellt“. Also zunächst her und dann auf. Die wenigen anderen regionalen Exemplare, also etwa im Tierpark in Stellingen, oder im Kurpark zu Cuxhaven (und sicherlich gäbe es noch wesentlich mehr, aber diese kenne ich halt mehr oder weniger persönlich) – nun ja, die sind geworfen. Im existentialistischen Sinne, in die Welt geworfen. Oder in die gegenüberliegende Polarregion der Welt doch zumindest.

II. Die Spannung zwischen Geworfenheit und Aufgestelltsein ist natürlich nicht zu vergleichen mit derjenigen zwischen „geschüttelt“ und „gerührt“, die für den legendären Commander Bond so wichtig war und ist. Doch das nur am Rande.

III. Bei sechs Figuren in der Größe normaler Gartenzwerge von einer Population zu sprechen ist möglicherweise etwas weit hergeholt, aber in gewissem Sinne sind sie singulär. Bis vor einigen Jahren bestanden sie nämlich aus Bronze. Die Globalisierung erreichte sie in der Gestalt von mutmaßlich osteuropäischen Buntmetallmigranten, die mit schwerem Gerät anrückten und die Figuren um des Materialwertes willen mitnahmen. Dieser Sachverhalt ist ohne weiteres als Globalisierungsfolge zu erkennen.

IV. Zum Glück für die ortsansässige Bevölkerung waren die Gußformen noch irgendwo gelagert, und es konnten Replikate angefertigt werden. Aus hartem Plastik in der Farbe gut gealterter Bronze. Trotzdem wurde noch an ihnen herumgesägt, aber nur oberflächlich. Buntmetallmigration ist ein veritabler Wirtschaftszweig, nur Profis können sich dort behaupten. Mittlerweile ist der Markt so hart umkämpft das auch Eisen und Stahl mitgenommen werden, der spektakulärste Fall gescheiterter Buntmetallakquisition dürfte allerdings auf längere Sicht der Versuch gewesen sein, einen Fahrdraht der Bundesbahn abzusägen – mit sozusagen finalen Konsequenzen. Da sitzt echt Musik drin. Der später aufgefundene und von allen irdischen Sorgen befreite Täter kann zweifellos ebenfalls als Globalisierungsverlierer gesehen werden. Gut geerdet zu sein ist nicht in jedem Fall richtig, hat aber hier doch direkt auf die berühmte „Darwin-Liste“ geführt, wo ja bekanntlich die törichtesten Anstrengungen, sich aus dem Gen-Pool zu katapultieren, für die Mit- und Nachwelt dokumentiert sind.

V. Das bringt mich zum Begriff des „kategorischen Affirmativ“. Satzfragmente wie „auf jeden Fall!“ oder „aber unbedingt, Dicker!“ können wir in der Öffentlichkeit herumschwirren hören. Sie sind nicht immer so steinfest gemeint wie sie sich anhören, aber mit einem gewissen Brustton der Überzeugung hören sie sich doch gut an. Und der wie schon gesagt kategorische Affirmativ gilt also nicht nur in vielen Pinguinbelangen, sondern ganz unbedingt auch bei der Buntmetallmigration. Wenn etwas Buntmetallenes unbeobachtet herumhängt oder –liegt, soll da auf jeden Fall drüber nachgedacht werden.

VI. Die real überall auf der Südhalbkugel existierenden Pinguine sind allerdings bisher noch nicht so richtig von der Globalisierung angekränkelt, scheint mir. Zu fest sind doch ihre Pinguingewohnheiten. In einem russischen Roman las ich neulich von einem Mann, der einen Pinguin in seinem Badezimmer (auf der Nordhalbkugel übrigens) beherbergte, und es war soviel Zuneigung und Wärme in diesem Text spürbar, daß ich regelrecht begann, ihn zu beneiden. Zwar ist eine solche Unterbringung sicherlich nicht wirklich artgerecht, aber die taktvolle und einfühlsame Beteiligung dieses Großvogels (richtig, es handelte sich um einen Kaiserpinguin von ca. 1,20 m) an den sozialen Verwicklungen in seinem Umfeld haben mich doch darüber hinwegsehen lassen. Das käme durchaus auch für mich als Haustier in Frage. Natürlich darf es nicht geworfen werden, es stellt sich gleichsam selbst an einen Lieblingsplatz, zwischen Waschbecken und Tür vielleicht. Gelegentlich würde es stundenlang im kalten Wasser plätschern, und dort würde es auch mit lebenden Fischen versorgt.

VII. Für die langen Stunden, die es einsam verbringen müßte (wenn mich also die unterschiedlichsten Obliegenheiten dem trauten Heime fern halten) denke ich an die Anschaffung einer sprechenden Duschkabine. Bislang ist das Repertoire dieser Geräte (die es offenbar wirklich gibt) natürlich eher auf die Rhythmen der durchschnittlichen Nutzer abgestimmt, vermutlich nach dem Motto „ey, das Quartal ist um, komm mal wieder rein hier“, oder „Alarm, Shampoo ist alle“. Aber ich traue mir durchaus zu, das mit einem Vorlesemodul zu kombinieren, und dann hätte der Pinguin doch wenigstens den Trost der Literatur. Hörbücher kann man ja mittlerweile schockweise gratis im Internet finden. Lediglich die Herunterkühlung des Badezimmers auf pinguinkompatible Minusgrade stelle ich mir schwierig vor, aber vielleicht kann er ja Tabletten nehmen.

VIII. Pinguintabletten, das ist ein verwandtes Thema. Eine in der Psychiatrie unter den Rezipienten geläufige Formulierung lautet „Pinguingang“. Den bekommt man von vielen der dort so beliebten Medikamente. Auch wenn hier die eigentliche Pinguinrelevanz sozusagen semantisch herbeikonstruiert werden mußte, wollte ich diesen Aspekt doch nicht unberücksichtigt lassen. Die Geworfenheit jedenfalls kann hier im Alltag tragödienhafte Züge annehmen. An erfolgreiche Buntmetallmigration ist natürlich nicht zu denken, unter solchen Umständen.

BRD retten? Wer? Ich?

•7 Oktober, 2008 • Kommentar schreiben

Die Bundesrepublik –

Rettungsbedarf und –möglichkeiten

aus kritisch-dylanologischer Sicht

I. Neulich rief mich Herr Köhler an und ließ es sehr lange klingeln. Er wollte wissen, wie man die BRD retten könne (wovor und wieso, sagte er erst mal nicht. Solch eine vage und diffuse Problemdefinition ist bei hilflosen Politikern typisch und das Übliche). Er mache sich tiefe und schmerzhafte Gedanken; so tief und schmerzhaft wie die Reformen, die er von seiner Ziehmutter Angela M. verlange, und dies in seiner Art, auf unbequeme Weise naseweiß zu sein, sogar sehr naseweiß.

II. Dieses Anliegen des Herrn Köhler, welches ebenso liebenswert wie verständlich ist auf den ersten Blick, gerät jedoch durch meine Einbeziehung eindeutig in den Bereich des Fragwürdigen, um nicht zu sagen der Konfabulation, und wäre in jedem Fall ein etikettenwidriger und peinlicher Schulterschluss mit dem niederen Volke, gerechtfertigt alleine durch das hehre Ziel (nämlich die Rettung der BRD)! Der „Prinz von Äthiopien“[1] würde dieses Verhalten als degoutant (voll daneben) bezeichnen.

III. Des Weiteren sprach Herr Köhler schulterschlussmäßig: „Hallo Herr Welzin, mein lieber Freund, ich habe gehört, Sie sind ein pfiffiges Bürschchen, etwas größenwahnsinnig, na ja größenwahnsinnig vielleicht doch nicht, aber sehr geschunden und intensiv gebeutelt von einem allgegenwärtigen Wunsch nach Großartigkeit. Anstatt mit diesem Leiden zum Therapeuten zu gehen, finden Sie das auch noch gut und verbreiten Ihre Ideen im Westen von Hamburg per Klönschnack zur Freude einiger sehr spezieller Kandidaten.“

IV. Er fuhr fort: „Guter Mann, da ist mir dann das Märchen vom Rumpelstilzchen[2] eingefallen: Wenn Sie das Stroh, das in Berlin gedroschen wird, in einer Goldkammer bei Herrn Steinbrück zu Gold spinnen können, dann soll es Ihr Schade nicht sein: ich würde Kraft präsidialen Erlasses ihre Renten- bzw. Einkommens- und Wohnungsnöte beenden. Und weil das ja nur eine Art meditativer Erkundungstätigkeit bezüglich Sinn des Lebens ist, machen Sie es so nebenbei: das Stroh ist weg und Peer ist fröhlich, und Sie denken sich Ihren Teil.“

V. Meinen Teil, den dachte ich mir sofort: „Lieber Herr Köhler, mit anderen Worten: ich soll aus EchtMüll EchtGold machen. In einem Land, wo es Echtzeit und Echtgold gibt, da gibt es nämlich auch Echtmüll und EchtSchlimmeres. Und ich soll jetzt aus EchtMüll Echtgold machen. Da lachen ja die Hühner. Echt.“

VI. Und was das Rumpelstilzchen betrifft, stehen jetzt die „ziemlich Alten“ (50+) sehr gut da, und zwar besser als die Jungen, ebenso bei Bob Dylan s.u. und die ganz Jungen wieder mal ziemlich dumm, weil es Rumpelstilzchen noch nicht als Videospiel gibt und die Eltern – was Grimms Märchen Vorlesen betrifft – wahrscheinlich versagt haben, es sei denn, eine hochkompetente Großmutter hätte das übernommen. (Ich erwarte protestierende Leserbriefe).

VII. Was die Rettung der BRD betrifft: Ähnliches ist vor Jahren (ca. 67-68) Bob Dylan passiert, allerdings mit J. F. Kennedy. Damals war alles einfacher und seine Antwort, wie Sie sehen werden, ebenfalls. Da die allgemeinen Verhältnisse inzwischen sehr kompliziert und unübersichtlich geworden sind, ist meine Antwort auf das Anliegen von Herrn Köhler, wie Sie auch sehen werden, auch sehr kompliziert und unübersichtlich. Die Jungen und Heranwachsenden und die Mädchen, die so gerne schon Mädels wären, die stehen angemeiert da, weil sie dachten, damals (nämlich 68) hat Schröders Gerd sein Abitur nachgemacht und das wars dann an Kultur damals (mehr brauchen wir nicht für „Geschichte“ 68), wenn wir mal von Joschkas Turnschuhen absehen etwas später – die Stinkedinger kommen jetzt ins Museum mit Kohls Strickjacke (man glaubt es nicht!), aber dem Gerd sein Abi-Zeugnis kriegen wir nicht zu sehen, was eine große Geheimnistuerei ist und bei seinen Leistungen als Bundeskanzler wahrscheinlich angebracht.

VIII. Dafür kennen wir aber das Gespräch von Bob Dylan mit Präsident Kennedy, ein fast unbekannter Text – speziell in den progressiven Stadtteilen, wo die mesoromantische Phase des untergehenden Bürgertums ebenfalls fast unbekannt ist, und auch nicht begriffen wird. Ihr Dummchen, ich aber bin gekommen, euch zu künden und alles zu erklären. Fürchtet euch nicht, denn Klarheit und Wissen werden strahlend über euch kommen mit der Macht des lebenslang Entbehrten. So ist es nun mal. Punkt und jetzt kein Mucks mehr!

IX. Lieber Leser, übermannt von visionären Angelegenheiten meiner inneren Welten, muss ich jetzt feststellen, dass ich Bob Dylan aus dem Auge verloren habe (und Herrn Köhler sowieso – die Bundesrepublik wird dann eben später gerettet).

X. Aber jetzt kommt wenigstens der Text: es ist ein Ausschnitt aus „Talking World War III Blues“ von der Platte „The Free wheeling Bob Dylan“.

The telephone is ringing, wo´nt ever stop

it´s President Kennedy calling me up.

He says: “My friend Bob, what do we need

to make the country grow?”

I said: “My friend Jack: Brigitte Bardot.

Sophia Loren.

Anita Ekberg.

Country will grow.”

Wir sehen: man braucht eine einfache Frage, um einfache Antworten zu bekommen. Oder wir sehen eben 68 – und wie sich die nun 40 Jahre danach auf präsidiale Fragen und poetische Antworten ausgewirkt haben.

So etwas könnte ich ja nun auch bzgl. meines Gespräches mit dem BuPrä machen; aber wie Sie lesen werden, ist das Weltganze etwas sehr viel komplizierter geworden, und zwar so kompliziert, dass mir so ganz kribbelig wird. Es ist so: wir leben in einem Zeitalter der Angst, zumindest aber der Beunruhigung und Brigitte Bardot hat sich der Pelztierfrage zugewandt und kann uns auch nicht mehr helfen. Was Anita Ekberg betrifft, so weiß ich noch nicht mal genau, ob diese Dame noch lebt. (Sie machte immerhin doch einen recht rüstigen Eindruck, als sie mir das letzte Mal auffiel.) Sophia Lorens Bemühungen bleiben gerichtet auf Schönheit im Alter, so dass ich insgesamt von diesen drei Mädels keine große Hilfe speziell in der Frage meiner Rente und einer neuen Übersichtlichkeit zu erwarten habe….

Schluss und bedauerliches Ende für diesen Monat

Das soll nun erst mal wieder reichen. Ob und wie Kennedy mit dieser Antwort zufrieden war, was es mit dem äthiopischen Prinzen auf sich hatte, wann bei den drei genannten Leinwandikonen die Schönheit des Alters begann, ja sogar die mir angetragene Transmutationsarbeit im Phrasenspeicher (die Grimms sind das genaue Rezept übrigens schuldig geblieben) – dies alles bleibt nun in der Luft hängen, und es ist sehr die Frage, ob es im Frühling wieder aufgegriffen werden kann. Von der Rettung der BRD ganz zu schweigen.


[1] Asfa-Wossen Asserate

[2] Der Plot: angeberischer Müller behauptet, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen; die Tochter (nicht der Vater) wird vom König (wie immer geld- und goldgierig) beim Wort genommen; dem Mädchen droht der Tod; Rumpelstilzchen tritt als Retter auf und macht einen guten Job; nach weiteren Verwicklungen endet das Märchen mit einem krassen Suizid (hammerharte Szene).

Vom Altenpflegen

•11 Juli, 2008 • Kommentar schreiben

Im letzten Monat ging es an dieser Stelle um das Älterwerden und die damit verbundenen Anforderungen an die persönliche Grazie im körperlichen wie seelischen Bereich. Das Thema ist noch längst nicht abgefrühstückt! Wir beginnen heute mit der noch nicht pflegebedürftigen Phase des Alterns. Da gibt es auch Chill-Phasen. Die erste heißt: Da merkte ich, dass ich plötzlich alt geworden war. Dies wird je nach Veranlagung gerne ignoriert oder ganz nach Trotz, Dummheit und Phantasielosigkeit gänzlich geleugnet. Das finale Erlebnis dieser Kategorie folgt früher oder später, es kann u.a. sein ein Arbeitsunfall in der Küche, eine mittelprächtige Lungenentzündung oder ein veritabler Herzstillstand.
Das Chillen aber nun, ein in der Jugendsprache ganz gängiger Begriff, bedeutet nichts anderes als den Übergang in eine Phase gesteigerter Rezeptivität und stark zurückgehender Beweglichkeit. Die jungen Leute machen das auf dem Sofa, sie haben sogar genau dazu passende chill-out-Musik. Diese klingt beinahe wie die echte Interferonmusik (eine Mischung aus „new-age“ und „Warteschleife“, sozusagen wort- und sinnfrei. Das läßt sich in ununterbrochener Folge aus dem Internet konsumieren und ist im Ganzen eine akustische Chemotherapie.) In gewisser Weise reichen sich hier die pharmazeutische und die musikerzeugende Industrie ihre sozusagen blutigen Pranken. Passende Kleidung ist ein Muß, sie zeichnet sich durch Übergröße aus, nichts soll kneifen oder beengen. Was vor 30 Jahren ein „couch-potato“ und damit verächtlich bis an die Grenze des Unaussprechlichen war, kommt derzeit als Vorbild normaler junger Leute daher.
Diesen Zustand des Chillens also nun auch bei älteren Leuten herzustellen ist zentrales Anliegen der Altenpflege. Das ging natürlich bis vor wenigen Jahren von ganz allein, wobei die Sache mit der Rezeptivität durchaus ein Hindernis sein konnte, sie sollte sich wirklich nur auf die Musik beziehen. Die kleinen Momente des Schwächelns wie auch die schwere Hand des Knochenmannes bleiben besser unbemerkt. Auf der rechten oder auf der linken Schulter? Inwiefern ist es Pech, wenn er von vorn kommt? Ist er nicht vielleicht sowieso Beidhänder? Macht es Sinn oder hat es vielleicht sogar aufschiebende Wirkung, ihm im entscheidenden Moment mit der Gehhilfe kräftig auf die Finger oder an den sicherlich empfindlichen Hals zu hauen? Eine ganze Schule von Cartoonisten nährt sich von diesen Fragen.
Die aufschiebende Wirkung des trotzigen Leugnens jedenfalls wird früher oder später, wie schon vorher angedeutet, durch ein finales Zwangs-Chill-Erlebnis beendet. Das pure Altern ist von einer belehrenden und unwiderstehlichen Wucht. Solange aber Leugnen noch hilft, hier nun ein Blick auf das Berufsbild „Altenpflege“. Das hartnäckige Weiterleben führt zum immer intensiveren Kontakt mit diesem speziellen Begleitpersonal.
Gotisch geht es nun weiter. Altdeutsch ist einfach nicht hart genug. Denn erstaunlicherweise werden durch die Finessen und Brutalitäten des Berufsbildes „Altenpflege“ sogenannte „Gothics“ angelockt. Junge schwarzgekleidete, gelegentlich auch übergewichtige Mädels mit bizarren Hemden und SM-Schmuck, gerne auch als „Blech im Gesicht“. Unwillkürlich tastet man nach dem großen Not-Tauf-Eimer. Theologisch zwar heftig umstritten, aber der Unterhaltungswert ist doch beträchtlich, so wird der Antichrist jedenfalls mal geduscht. (Hier beginnt das diffuse Feld der Experimentaltheologie, von dem wir füglich die Finger lassen sollten.)
Ähnlich besorgte Überlegungen ließen sich zur hauswirtschaftlichen Versorgung der erfolgreich gechillten Alten anstellen. Über die Funktion der im Gesamtzusammenhang verwendeten Beruhigungsmittel will ich nichts sagen, noch nicht mal was andeuten. Also, die Hauswirtschaft. Wer glücklich dran ist, wird vom Parasmutje (auch als „Zivi“ bekannt) in der je eigenen Häuslichkeit versorgt, zur Not mit second-hand-Material aus der Volxküche. Die anderen bekommen „Essen auf Rädern“. Das wird auch schon wieder von Gothic-Girls gebracht, von Altenpflegerinnen, die den Schritt zur Sterbebegleiterin noch scheuen oder ihn vielleicht auf diese Weise schon mal proben.
Da heißt es, tapfer zu bleiben und die doch im Kern immer noch vorhandene Mitmenschlichkeit dankbar anzunehmen. Gut dran ist natürlich auch, wer über Tütensuppe und Spiegelei hinaus etwas kochen kann und mag, der kann nämlich selbst Mitmenschlichkeit entfalten und wird reichen Lohn erfahren. Ebenfalls sehr „cool“ im Sinne der anfänglichen Überlegungen: der Pizzabringedienst. Das eigentliche Problem ist ja sowieso das Aufräumen hinterher, und das wiederum kann man wohl getrost dem Zivi überlassen. Manche haben ja auch eigene Kinder oder Enkel, es wird sicherlich bald schon ohne deren ehrenamtlichen und ausdauernden Einsatz nicht mehr gehen, das ist dann „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Sinne der einschlägigen Vorschriften. Zunächst geht es wie gesagt um Hauswirtschaft, aber irgendwie müssen ja die Lebensmittel auch bezahlt werden. Nun, der Sozialverwaltung ist da schon etwas eingefallen, unschwer zu raten wie nur je. Einfach nur fördern ist „out“, und beim „Fordern“ können schon mal gelegentlich die Samthandschuhe im Schrank bleiben.
Letztlich muß dann auch mal Schluß sein mit dem Gejammer, wenn immerhin mehr als 15.000 Kinder und Jugendliche in dieser reichen Stadt unter Armut leiden ist das ja wohl auch betagteren Mitmenschen zuzumuten. Die altmodische Formulierung, Armut sei „ein Glanz von innen“ geht allerdings wohl doch etwas zu weit und ist sozusagen mit Recht in Vergessenheit geraten. Armenpflege gab es früher mal, und zwar meistens sogar privat finanziert, das waren echt andere Zeiten.

Vom Älterwerden

•11 Juli, 2008 • Kommentar schreiben

Der zu Recht legendäre Harry Rowohlt hatte auf seiner Typenhebelschreibmaschine eine besondere Taste, wie er vor einigen Jahren gestand. Im Zeitalter der elektronischen Symbolerzeugung wirkt dies rührend barock. Es war ein sogenannter „Asteriks“, wie er heute zum Verbergen von Paßwörtern dient, oder ein Sternchen, etwa so:

*

Wie er des weiteren zugab, nutzte er dieses Symbol nicht etwa für eine sinnvolle Gliederung des Textes, sondern es sollte anzeigen, daß nunmehr ein Bruch passiert. Ein Gedankensprung vielleicht. Eine Tasse Kaffee zwischendurch, und das Neue, das je und je ganz Andere, das sich Bahn brechen will.

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Dieser Brauch, der mir hilft, von den ewigen Fußnoten wegzukommen, soll nun adaptiert werden, jedenfalls doch diesmal. Um die Sprunghaftigkeit meiner Gedanken zu kaschieren, und also einen scheinbar doch zusammenhängenden Text zu schreiben. Was Harry kann, kann mir durchaus ebenso passieren. Das gilt auch für das im Titel erwähnte Älterwerden. In wenigen Tagen schlägt es 60!! Falls Sie jetzt an Kranzspenden für unser nächstes zufälliges Treffen denken sollten, fände ich das übereilt. Eine mögliche Alternative wäre wohl gewesen, einfach jung zu versterben, wie es ja vor einigen Jahren durchaus möglich schien.

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Nun jedoch bin ich gehalten, Würde, Anmut und Heiterkeit beim Unvermeidlichen zu entwickeln. Vielleicht sogar bei der Umsiedlung in einen Pflegepalast ohne Elbblick. Hoppla, da kommt doch schon wieder der Galgenhumor durch, keinesfalls mit der erstrebten Heiterkeit zu verwechseln übrigens.

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Derweil ist zu beobachten, daß die Verwurstung der Seniorenkultur vor rein gar nichts mehr halt macht. In der Apothekenzeitung sind scheinbar 80jährige bei schweißtreibendem Extremsport abgebildet, mit der Botschaft im Subtext: Wenn Sie die richtige Versicherung haben bzw. die richtigen Pillen nehmen, wird es Ihnen auf die alten Tage genau so gehen. Wer wollte das nicht?

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Wer ja nun praktisch nicht mehr älter wird, das ist Konrad Adenauer, an den sich manche noch erinnern werden. Man kann über ihn einiges sagen oder denken, als Mensch, Politiker und Pepitahut. Immerhin hatten wir am Tage seiner Beisetzung schulfrei. Unsterblich geworden ist er hingegen für alle Berufs- und Sportschiffer, die haben nämlich hinten am Boot eine Nationalflagge und nennen sie „Adenauer“. Zur Illustration folgt nun eine rhapsodische Zusammenstellung nautischer Redensarten: „Weißt Du, warum das so ist?“„Nein, das ist eben so ein Brauch. Adenauer war außerdem im Leben wie im Tod schwarz-gold-rot.“ „Hast Du den Adenauer reingeholt (bei Sonnenuntergang!)? Ach ja, das halten einige für übertrieben, aber unsere nördlichen Nachbarn machen es mit dem Dannebrog (übersetzt: Dänenbrauch) genauso.“ „Wir können doch hier nicht ohne den Adenauer rumfahren!“ „Der verdeckt aber den Namen achtern.“ „Wie groß muß eigentlich ein Adenauer sein?“ „Na gut, eine Ecke sollte ins Wasser hängen.“ Und so weiter.

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Beim Älterwerden verschwindet möglicherweise auch die Bereitschaft, diese Nationalflagge als Fußballaccessoire zu sehen und bis zu 13 Exemplare oben auf dem Privatwagen zu befestigen (bisheriger Rekord an Vollknorpelkopfigkeit, beobachtbar etwa in Bramfeld oder Norderstedt). Bei jüngeren Leuten hingegen, wie beispielsweise bei einigen vom Bundesvorstand der „Jungen Grünen“, wächst die Keckheit und sie lassen sich photographieren (Spiegel online) wie sie anscheinend auf den guten alten Adenauer urinieren. Nur unwesentlich harmloser ist der Versuch, durch einen aufgenähten kleinen Halbmond im roten Feld heftiges Multikulti zu signalisieren.

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Also, irgendwo muß doch mal Schluß sein! Wer Politiker nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte Politiker sich verschafft oder abbildet und ins Internet stemmt, wird mit 10 Jahren Dauerfernsehen (ausschließlich RTL eins, zwei und super!) bestraft, Bewährung nur, wenn Hirntod oder Protodemenz vorher eintreten, je nach Schwere der Schuld. Sinngemäß so ähnlich gilt das ja jetzt schon für den Umgang mit der Nationalflagge. Wie eine Glimpfung aussehen könnte ist völlig unklar, aber Verunglimpfung kann mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden!

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Als alternder Mensch ist es mein Vorrecht, all diese Dinge deutlich zu sehen und auch beim Namen zu nennen, etwa wenn ein als politische Aktion gemeintes Spektakel abgleitet in den Bereich der puren Bewußtlosigkeit, aber ein Spaß ist es deswegen noch lange nicht. Immerhin, ich weiß mich in guter Gesellschaft, meine Alterskohorte ist umfangreich und schrumpft auch nicht so schnell. Und die Bundesrepublik wird überhaupt erst nächstes Jahr so richtig sechzig.

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Die evangelische Kirche feiert 2017 dann 500 Jahre Reformation. Das soll ein Staat erstmal nachmachen, ohne schäbige Tricks wie das um 988 Jahre verkürzte Tausendjährige Reich unseligen Angedenkens. Ich kenne jemanden, der in dem Jahr die Goldene Konfirmation anvisiert hat, so was nenne ich kernprotestantisch.

Letztlich geht es um Aufschwung und Gerechtigkeit – und zwar im Unterschied zu Schulden- und Gleichmacherei!

•11 Juli, 2008 • Kommentar schreiben

Anfang April rührte mich die Nachricht von einer bevorstehenden Rentenerhöhung zu Tränen der Dankbarkeit. Nun gut, zu genau einer Träne, denn die Erhöhung sollte mit 1,1 Prozent auch wohl eher maßvoll ausfallen.

Andererseits sind das je nach Höhe der Rente ein schwungvoller Abend mit Freunden und chinesischem Essen (wie wäre es mit Karthäuser-Kätzchen Kantoner Art[1]), oder vielleicht doch eher zusätzliche drei Tassen Espresso monatlich. Für die Kanzlerin und ihren Finanzminister eher das erstere, vermute ich mal. Aber noch nicht sofort, die müssen schon noch ein wenig ranklotzen. Und, Sie haben es erraten, für mich eher das letztere, dafür aber auch einfach so. Falls es klappt.

Die Kanzlerin hatte ja schon im Dezember verlautbart, es sei nun an der Zeit, daß der „Aufschwung“ mal bei „den Leuten“ ankommt. Schon ein knappes halbes Jahr später wird ihrem Wunsch entsprochen, das gibt doch Hoffnung. Allerdings, wenn wir uns den Aufschwung am Reck aus der Turnhalle unserer Kinderzeit vergegenwärtigen, dann hängt das Ding momentan noch wie ein Sportverweigerer oder einer dieser überernährten Kameraden in ihrer peinlichen Hilflosigkeit. Oder wie ein nicht abgeholter Sack voll Knorpel & Gnit.[2]

Für so was, meint Herr Steinbrück (ein miserabler Reckturner, wie man sich unter den Ehemaligen seiner Schule erinnert), sind 14 Milliarden €uronen schon einfach viel zu viel. Bei so einer machtvollen Argumentation sehe ich natürlich die drei Tassen Espresso dahinschwinden. Nicht wirklich tröstlich der Gedanke, daß anderen Rentnern noch ganz andere Visionen vergehen dürften.

Und es ist auch nicht nur der Finanzminister, der seine Rentenschäfchen ja wohl restlos im Trockenen haben dürfte, nein, es gibt mittlerweile eine sogenannte jüngere Generation von Politikern so zwischen 30 und 40, die machen sich berechtigte Sorgen um ihre eigenen Renten, obwohl die Quote von Anwälten und Beamten in diesem Versichertensegment sehr hoch ist. Dauernd in den Urlaub, und das im großen Stil, dafür wird es wohl nicht mehr reichen. Aber sie wissen auch, auf wen es einzuschlagen gilt. Auf die Espressoverschwender, selbstverständlich. Also wurde schon nach kürzester Zeit das Signal zum Rückwärtsrudern gegeben, im „Spiegel“ vermutlich.[3] Es ist einfach nicht gegenfinanzierbar, weil kein Geld dafür da ist. Auch sind die Kassen leer, und das Tafelsilber ist bereits verfrühstückt.[4] Der fröhliche Ratschlag, einfach Geld nachzudrucken, wird nicht gern gehört. Dann will man schon lieber den Steuermigranten ans Beutelchen. Ohne etwelche Erbprinzen zu kränken, oder zu beunruhigen, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht, denn die sind sehr leicht zu kränken, in Nullkommanix ziehen sie eine Schnute und fangen an zu zicken. Im Fall des Erbprinzen von Liechtenstein beispielsweise ist ja im Grunde die öffentliche Nennung seines Vornamens schon kränkend.[5]

Die „Gerechtigkeit“, um die es ja in der Titelzeile wenigsten dem Begriffe nach ging, ist ein ideelles Konstrukt und welkt im harten Licht der Wirklichkeit sehr rasch. Während der Aufschwung am Reck hängend beobachtet wurde, steht sie am schönsten Fenster von Wolkenkuckucksheim und schaut gedankenlos ins Ferne. Liebedienerei und Nepotismus sind ihre karge Fastenspeise. Fromme wie revolutionäre Mitmenschen würden ihr gern aufhelfen, aus unterschiedlichsten Gründen und mit großem Diskussionsbedarf im Methodischen. Das böse Wort mit M, Macht, darf in diesem Zusammenhang öffentlich auch nicht geäußert werden. Es handelt sich nämlich um Verantwortung.[6]

Der im Prinzip wünschenswerte Weg ins Erbprinzentum ist also wohl leider den meisten von uns verschlossen, man hätte sozusagen eher und ganz anders einsteigen müssen.[7] Wenn außerdem alle richtig fein raus wären, das kann irgendwie auch nicht funktionieren. Da hätte ja niemand mehr einen Antrieb, überhaupt noch was zu machen, also etwa für einen Euro pro Stunde die Gnitsäcke wegschleppen. Den ganzen Tag Fernsehen und Pudding essen, das kann´s doch auch nicht sein, wo bleibt denn da das Abendland.[8]

Der Aufschwung ist also im Prinzip da, das Geld schon fast, und die Gerechtigkeit wäre so ein tolles Gefühl gewesen. Dann kam Roman Herzog (der mit dem Ruck) und sagte, dies sei er nun. Der Ruck! Generationen noch werden auf Espressozulagen verzichten müssen, damit wir oder vielmehr unsere Nachfahren einen ausgeglichenen Roman Herzog haben können, jedenfalls doch perspektivisch. Die Gerechtigkeitslücke bzw. die gefühlte Ungerechtigkeit entpuppt sich so als kluge Haushalterschaft oder sogar als nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung. Der gute arabische Labetrank wächst schließlich nicht wild in der Lüneburger Heide! Wenn wir uns auch im Jahr 2022 noch ein gelegentliches Täßchen zu Gemüte führen wollen, heißt es jetzt schon sparen. [9] Oder vielleicht lieber eine Option auf die Ernte kaufen, und dann kann es ja egal sein.



[1] Gibt es auch mit Tofu, also bitte cool bleiben.

[2] Gnit sind die kleinen weißen Stücke in der Blutwurst.

[3] Nichts gegen dieses Druckerzeugnis. Besonders online ist es einfach nett, kein Papier die Treppen raufschleppen, nur das lesen, was man interessant findet, und dann auch noch „Verstehen Sie Haas“.

[4] Es kommt hinzu, daß auch viele Sachwerte ziemlich wertlos waren und daher nun einfach auch das Geld sozusagen knapp wird. Es ist aber wohl nicht weg, sondern nur woanders. Vorgänge wie in Sachsen oder Bayern mit ihren jeweiligen Landesbanken hätten vor gar nicht langer Zeit zweifellos zu bürgerkriegsartigen Zuständen und zur Inbetriebnahme der überall vorsorglich eingelagerten Fallbeile geführt. Das hanseatische Exemplar ist in Ölpapier verpackt und auf dem Dachboden am Sievekingplatz eingelagert und dürfte im Bedarfsfalle funktionieren „wie geschmiert“.

[5] Daher sei hier auch darauf verzichtet. Sein prominenter Schließfachkunde und unser vormaliger Oberbriefträger hätte natürlich treffender gar nicht benannt sein können. Vielleicht ist erfolgreiche Kriminalität doch eine Sache des Karma?

[6] Auf diesen Unterschied wies insbesondere der bisherige und künftige Bügelmeister am Wahlabend im TV hin. Allerdings hatte er ihn zwei Sätze später auch schon wieder vergessen und gab zu, es würde selbstverständlich um Macht gehen.

[7] Es ist sogar fraglich, ob das Verkaufen der eigenen Seele noch klappen würde, ob es da überhaupt einen Markt gibt. Schließlich wollen die meisten Menschen gar kein Geld bei diesem Handel, sie passen nur einfach mal einen Moment nicht auf und hoppla ist sie weg!

[8] Abendland. Das ist überhaupt ein ganz heißes Thema. Da traue ich mich ganz und gar nicht ran. Vielleicht später mal, wenn wir uns besser kennen. Schnell hat man ein Etikett weg und ist plötzlich Kryptofaschist.

[9] Das war ein genialer Film, der lief in den 70er Jahren eigentlich nur im Abaton. Später dann allerdings auch im Fernsehen. Grüne Kekse gab es da zum Essen, nur die ganz Steinreichen konnten sich mal ein wenig frisches Gemüse leisten. „2022 – die überleben wollen.“ Mit Charlton Heston in einer echten Paraderolle.

Hello world!

•11 Juli, 2008 • 1 Kommentar

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