Neulich las ich in einer Zeitung (ganz genau: DIE WELT,1.4.08), daß die Bevölkerung der USA beschlossen hat, zu verblöden, und zwar verdächtig unauffällig. Das hat mich nicht überrascht. Im Gegenteil: seit der Wiederwahl von Walker Bush[1] hatte ich in dieser Hinsicht vollständige Gewißheit. Befund und Diagnose geben Anlaß zu einigen Überlegungen. Was nämlich in Amerika schief läuft, läuft früher oder später überall schief, speziell in Deutschland. Soweit, so traditionell antiamerikanisch. Hinwiederum kann auch gefragt werden, ob es denn wirklich so schlimm ist, dumm oder uninformiert zu sein.
Oder anders herum: ist es wirklich schlau, die eigene Klugheit (sofern vorhanden) zu zeigen? Man riskiert permanentes Ausgefragtwerden durch mangelhaft informierte Zeitgenossen. Etwa: Gab es Hitler wirklich? Wer ist Bill Kaulitz, wie geht es seiner Stimme? Wofür ist die Antwort wichtig? Oder in Amerika, wo das dumbing-down[2] seit längerem und erfolgreich im industriellen Maßstab betrieben wird: Was ist mit dem „beer-hall putsch“? Wer hat gewonnen damals? Na ja, so sind „die Krauts“ eben. Ostentative Klugheit ist allemal unerwünscht und peinlich.
Für unsere Zwecke soll „dumbing down“ mal mit „Abdummung“ übersetzt werden. Die Mechanismen sind um uns und in uns: ein künstlich erzeugtes Interesse an Reproduktionserfolgen oder Unpäßlichkeiten sogenannter Prominenter ist der Rohstoff für ein breites Segment dessen, was in glücklicheren Zeiten als öffentlicher Diskurs bezeichnet worden wäre. Die gleichen jungen Leute, die Hitlers tatsächliches Vorhandengewesensein bezweifeln oder allen Ernstes überzeugt sind, Mohammed sei in Istanbul zur Welt gekommen und Atatürk sei sein Prophet, wissen detailliert Bescheid über die Suchterkrankung von Popstar A, die Stimmbandprobleme von Popstar B, die Heiratsabsichten von Ex-Popstar C, oder das neue und noch nicht erhältliche Funktelefon der Firma D.
Öffentlicher Diskurs ist eine ferne Erinnerung. Eine nordamerikanische Legende aus der Zeit um den Bürgerkrieg, in der die Vereinigten Staaten den Alphabetisierungsrekord hielten und wo die unabhängigen Zeitungen wie Pilze nach dem Regen wuchsen. Als ein deutscher Offizier wie General Steuben dort umstandslos Politiker werden konnte, weil er vernünftige Ideen hatte, nicht nur was die Abschaffung der Sklaverei betraf. [3]
Das war natürlich auch alles sehr anstrengend, echte geistige Arbeit und zeitraubend noch dazu. In jedem Saloon, in jeder Postkutsche, in jedem Eisenbahnabteil diskutierten die Menschen über die Tagespolitik, in aller Regel ohne Waffengebrauch. Dem entziehen wir uns immer mehr. Es ist zu viel anderes gleichzeitig, und der Tag hat eben nur 24 Stunden. Lediglich beim Computerspielen kann zur nachtschlafenden Zeit noch etwas drangehängt werden.
Es gibt dann noch eine Grauzone am unteren Rand des Abdummungsprozesses, und da wird dann deutlich: Dazwischenreden und Ideen-Haben sind aus der Mode. Bald darauf beginnt dann schon der Bereich der zertifizierbaren Verblödung[4], und der letzte bekommt schließlich die „Lübcke-Medaille für probates Deppentum“, d.h. der IQ liegt unter dem von Knäckebrot, ist also kleiner als 5. (Für eventuelle nachgeborene Leserinnen und Leser: das war der sagenhafte Bundespräsident, der in Afrika eine Rede mit den unsterblich gewordenen Worten begann: „Meine Damen und Herren, liebe Neger.“) [5]
Um nun nicht mit dieser depressiven Note zu enden, noch ein paar Worte zu den Bildungsidealen, an die sich manche der Älteren ja noch erinnern werden. Muß man wirklich wissen, was in der „Emser Depesche“ stand? Ja, kann man es überhaupt? Was ist mit der Ballade von dem tapferen Steuermann John Maynard? Kann man solche Bildungswege sinnvoll planen? Gibt es noch Lehrer, die ihre Schüler neugierig machen können? Stimmt es, daß die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne durch die Strukturen der Kindersendungen im Fernsehen vorgegeben ist und damit bei etwa 3 Minuten liegt?
Insofern lassen die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur und die Einrichtung der Bachelor-Studiengänge für die Zukunft noch Entwicklungsspielräume erahnen. Vor allem in Richtung „Abwärtsexzellenz“, leider, bei durchaus noch gefühltem bzw. behauptetem Diplompotential selbstverständlich.[6] Genau wie Temperaturen,[7] Börsenzustände, Multiplikationsergebnisse und Musik „gefühlt“ werden, nicht etwa „wahrgenommen“.
Andererseits, und auch das soll keineswegs verschwiegen werden, ist es natürlich seit eh das Privileg der Ältergewordenen, den Niedergang ihrer jeweiligen Kultur beredt zu bejammern. Die Bildungskatastrophe (wann haben Sie denn das Wort zuletzt gelesen?) paßt letztlich hervorragend zur sonstigen Entwicklung der Welt, es könnte also sein, daß die aktuellen Lamentierer mehr Recht haben als ihnen lieb sein kann.[8]
[1] Auf den anderen Vornamen will ich hier mal prophetisch verzichten. Er geht ja bald.
[2] Das ist tatsächlich ein anerkannter Begriff des amerikanischen Feuilletons.
[3] Demokratie begeisterte unsere Vorfahren. Sie waren in einer nie wieder erreichten Intensität Subjekt der Geschichte, und ohne ihre Mühen würden wir in einer komplett grauenvollen Realität zurechtkommen müssen.
[4] Als Stichwort genüge mal „RTL 2“. Wenn Sie es nicht kennen, bleiben Sie dabei!
[5] Es ist nach wie vor umstritten, ob der Mann eigentlich blöd war. Es kann im Grunde nicht sein. Genausowenig, wie ein Beamter lügen könnte.
[6] Was wirklich hochgeht, sind die Kosten. Studierende Kinder sind ein Armutsrisiko.
[7] Damit ging es tatsächlich mal los: Gefühlte Temperatur. Der Begriff ist in einem seriösen Wetterbericht so sinnvoll wie eine Beschreibung von Frau Holles Deckbett.
[8] Wenn das jetzt eine nicht ganz so depressive Note gewesen sein soll, sind doch alle wieder froh, daß Percy nicht so richtig auf die Tonne gehauen hat, oder?

